Allgemeine Hotel- und Gaststätten-Zeitung
Ideenbörse (6) · 9. April 2011 · Nr. 15
Ideenbörse
Gäste stehen auf den Germanenfürsten
Gut 90 Prozent des Umsatzes macht die Waldgaststätte Rübezahl mit Erlebnisaktionen. Die erfolgreichste ist der „Germanenspaß“ – hier wird Inhaber Nikolaus Lallensack zu Hermann dem Cherusker.
Höxter. Wache Augen, weißer Rauschebart, buschige Augenbrauen: So wie man sich Hermann den Cherusker vorstellt, sieht Nikolaus Lallensack aus. Was wichtig ist! Denn der Germanenführer steht im Mittelpunkt eines äußerst erfolgreichen Erlebnisprogramms der Waldgaststätte Rübezahl in Höxter-Albaxen – dem „Germanenspaß“.
Gerade ist eine 20-köpfige Kegelgruppe zu Gast und wird von Lallensack bzw. Hermann begrüßt: „Wir, Hermann, Fürst von Wotans Gnaden, geruhen euch einzuladen, mit uns germanische Kampfspiele zu erleben.“ Auf dem Kopf einen Flügelhelm, an den Füßen Gamaschen, prostet er seinem Volk mit einem Horn voller Met zu, stimmt sodann auf dem Akkordeon das „Germanenlied“ an. Keine Frage, der 63-Jährige hat große Freude daran, für mehrere Stunden zum Cherusker zu werden.
Rückblende: Ende der 60er kam Lallensack während einer Weltreise nach Kanada, schloss sich einem Trapper an, stellte bei minus 40 Grad Fallen auf, lernte die urigen Trapperhütten kennen – und deren Atmosphäre so sehr schätzen, dass er nach seiner Rückkehr die elterliche Gaststätte in jahrelanger Arbeit in eine Blockhütte verwandelte. Mit „kanadischer Trapperhütten-Atmosphäre“, wie es noch heute auf den Flyern heißt. Nicht nur Wände, Tische, Stühle sind hier aus Holz, nein, der Kerzenständer ist aus Eiche, der Salzstreuer aus Birke, das Weinglas aus Olivenholz. Selbst die Lichtschalter sind hölzern. „Das meiste selbst geschnitzt“, sagt Lallensack, „in diesem Haus steckt mein halbes Leben.“
Neben dem Germanenspaß finden in der Waldgaststätte Hüttenabende mit Live-Musik sowie Kaminnachmittage für Senioren statt. Die Organisation der Veranstaltungen, die es seit gut 15 Jahren gibt, ist Routine. „Ein Klacks“, wie der 63-Jährige sagt. Als Personal reichen ihm Koch und Küchenhilfen sowie bis zu vier Service-Mitarbeiterinnen, wenn alle 100 Plätze belegt sind. Zudem sitzt die Familie mit im Boot: Frau Eva packt an, wenn es brennt, Sohn Marius stellt auf der Blockhaus-Bühne seine Gitarrenkünste unter Beweis, Sohn Jens hat die Homepage optimiert. „Wenn man jetzt bei Google `Waldgaststätte´ eingibt, stehen wir ganz oben“, zeigt sich Lallensack beeindruckt.
Unterdessen ist beim Germanenspaß das Bogenschießen beendet. Nun geht es mit dem Kampfwagen zum Speerwerfen, dann zum Keulenweitwurf. Die Hauptattraktion ist jedoch der Cherusker selbst: Mit Sprüchen am laufenden Band unterhält Lallensack die Gäste, lässt einen Knecht für sich schuften, hat eine Thusnelda auserkoren, die ihm nun gefälligst noch ein Met holen möge. Später wird der Sieger mit einem „Trete er hervor und lege sich auf die Bärenhaut“,zur Siegerehrung gerufen und mit Schwertstreich und Urkunde in den Kreis der alten Germanen aufgenommen. Anschließend wird gespeist: „Cheruskerfleisch“ (Wildschweinkessel mit Salat und Zwiebelbrot.) Dazu gibt es Bier der Eigen-Marke Rübezahl-Bräu: Rübezahl-Bio-Pilsener, Rübezahl-Bio-Dunkel und Rübezahl-Bio-Weizen vom Fass.
Aktion: Germanenspaß
Ausrichter: Waldgaststätte Rübezahl
Vorbereitungszeit: „Mittlerweile ein Klacks“
Werbekosten: ca. 15000,- Euro jährlich
Medienresonanz: sehr groß, Fernsehen, Radio, überregionale wie regionale Zeitungen
Kunden pro Jahr: ca. 6000 +
Kontakt: Waldgaststätte Rübezahl, Rübezahlweg 2, 37671 Höxter-Albaxen, Tel. 05271 7838, www.waldgaststaette-ruebezahl.de
Mit den Aktionen macht Lallensack gut 90 Prozent des Umsatzes, regulär geöffnet ist sonst nur in den warmen Monaten am Wochenende. Da die Veranstaltungen bestens laufen – mancher Gast kommt erst mit dem Kegelclub, dann mit dem Betrieb, schließlich mit dem Gesangsverein – reicht das, um ansehnliche schwarze Zahlen zu schreiben. Trotz überschaubarer Preise: Der Germanenspaß kostet 21,50 Euro, der Hüttenabend 14,50 Euro, der Seniorennachmittag 6,90 Euro. „Demnächst müssen wir die Preise mal anpassen“, sagt Lallensack.
Die Manager-Formulierung „Preise anpassen“ zeigt, dass der 63-Jährige nicht nur den Hermann, sondern auch den Geschäftsmann geben kann. So nimmt er sich auch Zeit für Marketing, wirbt auf Messen (bei denen er ob seiner Aufmachung stets im Mittelpunkt des TV-, Radio- und Zeitungsinteresses steht), druckt 30.000 Flyer pro Jahr, veranstaltet mehrtägige Clubreisen, bei denen die Rübezahl-Aktionen um Stadtführungen, Radtouren, Dampferfahrten oder Kanutouren ergänzt werden. „Für welche Rubrik ist das hier eigentlich?“, fragt Lallensack zum Abschluss. Ideenbörse. „Aha, wäre ja schön, wenn ich andere inspirieren kann“, sagt er – fügt aber schnell hinzu: „Es wird nicht funktionieren, unser Konzept 1:1 zu kopieren.“ Dafür stecken zu viele Jahre Arbeit in der Waldgaststätte. Was hingegen jeder Gastronom machen könne, dem ein ähnliches Angebot vorschwebt: „Authentisch sein!“ Nichts dürfe aufgesetzt sein, man müsse selbst Spaß an einer Aktion haben, sagt Nikolaus Lallensack. „Dann klingelt auch die Kasse.“

Alexander Schmolke